Ausgabe 92 / August 2016

Blickpunkt: Angst

Niemand ist freiwillig mutig

Von Dr. Renate Marx-Mollière

Ein guter Freund von mir sagte einmal auf einem langen Aufstieg am Gebirgsgrat: „Angst ist was Gutes. Du machst manche Sachen nicht.“ Dann schwieg er wieder, eine seiner größten Fähigkeiten. Und nach über einer Stunde, kurz unter dem Gipfel, kam der zweite Satz, mit einem Lächeln: „Angst, da musst’ was gegen tun, wenn’s dich auffrisst.“

Da könnten alle Gedanken zum Thema enden: Es geht um die Balance, den richtigen Weg mit dieser so konstanten Begleiterin unseres Lebens, deren Sinn in der Alarmreaktion und Schutzfunktion besteht, die Warnzeichen setzt und Flucht induzieren kann.

Und das alles in einem genetisch verankerten Programm: Wir bringen vieles mit, nicht nur den Willen, laufen zu lernen, sondern auch die Angst, uns beim Hinfallen wehzutun. Ist das nicht spannend? Immer wieder bekommen wir vermittelt, dass wir uns selbst steuern. Dass wir uns mit Lebenserfahrung, Klugheit, Energie, Phantasie und Disziplin durch die Zeit bewegen. Aber das ist nicht richtig. Auch Angst ist in unserem genetischen Erbe verankert, zum Teil sogar ganz konkret.

„Wovor wir am meisten Angst hatten, wird uns, nachdem wir es geschafft haben, am stolzesten machen.“
Beatrix Marth

Manche Ängste können im Leben immer wieder kommen. Zum Beispiel in Trennungssituationen. Manche bereiten den Boden für weitere dunkle Lebensbegleiter wie Depressionen oder Zwänge. Manche Menschen werden gefangen durch Panikattacken oder in einer alles überflutenden Angst.

Viele Ängste betreffen ausgesuchte Situationen bei ansonsten alltagstauglichen Menschen. Circa fünfundzwanzig Prozent aller Menschen haben zeitweise im Leben eine Angst, die sie hilflos machen kann – aber nicht für immer. Das heißt, sie gewinnen die Möglichkeit wieder zurück, ihr Leben selbst gut zu gestalten.

Das kennen wir alle, zum Beispiel die Angst, in einem ganz bestimmten Moment zu versagen, bei einer Prüfung, aber auch bei einer Prüfung des Lebens, wie einer Beerdigung, einem Verkehrsunfall, einer schlechten Nachricht.

Aber wir können es in guter Begleitung und mit hilfreicher Beratung schaffen, nach Beruhigung der Situation wieder selbst das Heft in die Hand zu nehmen.

Wann wird die Angst zum Problem?

Dann, wenn sie unangemessen beziehungsweise lang anhaltend ist, wenn wir sie nicht mehr kontrollieren und nicht aushalten können. Wenn sie uns Leiden verursacht und das ganze Leben einschränkt. Wenn wir nicht mehr alleine aussteigen können aus dem wachsenden Teufelskreis von Angst und Vermeidung. Vor allen Dingen bei einem übergang in eine Spirale ungebremster Angst. Oder bei anhaltender Vermeidung und kognitiver Verzerrung mit Schrittmacherfunktion für Panikstörungen. Bei traumatischen Erfahrungen, bei Armut, Arbeitslosigkeit, Einsamkeit, Sucht und Stress. Wenn sie sich flächendeckend über unser ganzes Leben ausbreitet und dann auch noch niederschmetternde Verbündete findet.

Dann benötigen wir über Beratung hinausgehende medizinisch-therapeutische Unterstützung, beispielsweise wegen zusätzlicher Depressionen und sich verstärkenden körperlichen Erkrankungen.

Eine Felswand mit schwebender HängebrückeWir leben in einer einzigartigen Neuzeit, wir müssen neue Ängste lernen vor Gefahren, die unser Erbe nicht kannte. Wir werden ständig global konfrontiert und erschöpft „dank“ der neuen Medien, zu recht können wir nie beruhigt sein. Täglich sind wir Akrobaten mit unserem Spagat zwischen dem Verstand, der weiß, es gibt nie Sicherheit, und unserem Gefühl, das schon am Morgen die Zuversicht braucht, dass unsere Pläne und Handlungen Wirklichkeit werden.

Ist die Angst nur ein Hindernis, oder gebrauchen wir sie manchmal auch als unseren „Freund und Helfer“?

Sie hilft uns an allen Tagen, an denen wir uns wirksam davon überzeugen, dass Veränderungen viel zu gefährlich sind. Und wenn wir uns „erfolgreich überzeugt haben“, dann haben wir uns alle Berechtigungen geschaffen, nicht weiter denken und dann auch noch handeln zu müssen. Also bleibt uns dann ja vermeintlich nichts anderes mehr übrig, als dass wir als Leibeigene unserer Angst in der bequemen Kuschelecke verbleiben.

Nur wenige sind so ehrlich wie die Schweizer Kabarettistin Hazel Brugger, die freimütig betonte: „Es wäre so geil, wenn ich meine ganze Zeit damit zubringen könnte, Angst vor Veränderungen zu haben.“

Ja, das ist erlaubt, sich auch lustig zu machen über alle Farben unseres inneren Mosaikes, die hellen, aber auch die dunklen. Genauso, wie sich zu beruhigen, dass wir den Kampf gegen die Angst nie gewinnen können.

Deswegen möchte ich Sie neugierig machen auf eine entwaffnende Idee: Kämpfen Sie nicht gegen sich und Ihr Gepäck im Erbrucksack, lernen Sie, zu tragen, zu ertragen und damit umzugehen und – ich bin mir sicher, das wissen Sie schon längst – halten Sie inne, wenn es sein muss! Packen Sie aus und dann um, wenn Sie so nicht weitergehen können!

Das kennen Sie doch bestimmt auch von sich: Vorher machen wir so etwas nicht, in der Regel immer erst notgedrungen.

Übertragen wir diesen Gedanken auf die Ratsuchenden:

Ist es vorstellbar, das Bild eines Ratsuchenden, der durch seine Angst gezwungen wird, inne zu halten? Und damit erst in die notwendige Lage kommt, das Leben neu zu betrachten und gegebenenfalls anders zu gestalten?

Können Sie sich in dieser Lage als Wegbegleiter sehen, dem genug Vertrauen entgegen gebracht wird, diese Erschöpfung und überwältigung mitzuerleben?

Wir können die Angst nicht über Bord werfen oder verlieren.

Aber wir können, wenn wir an unserer Lebenskunst mit Hingabe arbeiten, den eigenen Weg mit ihr finden. Die eigene Haltung, das ist unser aller Beitrag, schweigend oder auch ausgesprochen. Damit können wir weiter durch das Leben gehen und beziehungsweise oder mit unserer Begleitung einen neuen Gedanken auf den Weg bringen.

Das heißt, es gibt nur etwas zu gewinnen!

Schwarz-weiß-Bild von Dr. med. Renate Marx-Mollière
Dr. med. Renate Marx-Mollière ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie

 

 

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