Ausgabe 90 / Dezember 2015

Blickpunkt: Scham

Longwe long tokples bilong mi – weit weg von meiner Muttersprache

Von Ruth Belzner

Sprache ist das wichtigste Ausdrucksmittel für mich. Ich kann Bilder besser mit Worten als mit Farben malen, mich erfolgreicher verbal als handgreiflich durchsetzen, fand schon in der Schule fremde Sprachen und Kulturen spannend, träumte mich gerne weg in andere Länder. So ergriff ich 1987 die Chance, für vier Jahre nach Papua-Neuguinea zu gehen, um, entsandt vom Missionswerk der Bayerischen Landeskirche, im Madang-Distrikt der ELC-PNG die Frauenarbeit zu begleiten und weiterzuentwickeln.

Die Vorbereitung schloss auch eine Einführung in das Melanesische Pidgin, die auf Englisch basierende Lingua Franca, ein. Australisches Englisch ist Verwaltungssprache, aber als Umgangssprache dient das tok pisin.

Den begrenzten Wortschatz und die einfache Grammatik glaubte ich schnell lernen zu können. Manche Eigenheiten der Sprache beeindruckten mich schon in den ersten Unterrichtsstunden: So gibt es für Bruder und Schwester die Worte brata und susa, aber wenn ich einen meiner Brüder als „brata bilong mi“ bezeichnet hätte, hätte ich ihn zu meiner Schwester gemacht. Denn nicht das Geschlecht an sich, sondern ob das Geschwister gleich- oder gegengeschlechtlich ist, ist von Belang.

AUFDRAHT90_ThemenbildMit mehr Neugier als Unsicherheit kam ich im Januar 1988 schließlich in PNG an. Es war eine harte Landung: Der plötzliche Verlust meiner Sprache und damit meiner Ausdrucksfähigkeit war ein echtes Problem. In der Öffentlichkeit sprach man grundsätzlich nur tok pisin (und wenn Expatriates verschiedener Nationen unter sich waren, Englisch), um niemanden auszuschließen. Auch meine erste einheimische Kollegin, die perfekt in Englisch war, sprach mit mir konsequent nur tok pisin. Unsere Gespräche sollten für alle um uns herum verständlich sein.

Ich fühlte mich in den ersten Wochen wie im eigenen Kopf gefangen. Was ich wahrnahm, wissen wollte, mir dachte, konnte ich kaum ausdrücken. Ich war mir selber fremd geworden. Und was die Niuginis mir mitteilen wollten, kam oft nicht vollständig bei mir an. Dass es irgendwie erträglich blieb, war nur ihrer Geduld und ihrem Interesse an mir geschuldet – und ihrem Mut, meine Sprachfehler konsequent zu korrigieren. Das war wie Hafterleichterung. Und die abendliche Stunde Deutschlandradio (über die Langwelle meines „Weltempfängers“) war wie Freigang.

Nach etwa sechs Monaten hatte ich mich in tok pisin freigeschwommen und konnte mit seinen Besonderheiten spielen. Da es zur pragmatischen Verständigung entstanden und bis dahin auch für Niuginis meist nur die Zweitsprache war, bestand der Wortschatz fast nur aus Begriffen für konkrete, greifbare Dinge und Vorgänge. Für alles darüber hinaus musste man Metaphern benutzen oder erfinden. Im Bereich von Empfindungen konnte ich wählen zwischen belhat (heißer Bauch) für wütend oder zornig, tubel (zwei Bäuche) für unsicher, zweifelnd, belhevi (schwerer Bauch) für alles, was sich schlecht anfühlt, belisi (leichter Bauch) für friedlich, entspannt, wanbel (ein Bauch) für einverstanden, zustimmend, hamamas (aus dem Malaiischen) für erfreut, stolz, glücklich und kalap nogut (ein ungutes Galoppieren) für erschrocken, unangenehm überrascht. Beziehungsqualitäten wurden geteilt in femili, wantok oder bilong longwe ples (fremd) und darüber hinaus in poroman (Kumpel, Freund) oder birua (Feind). Und alles psychisch in irgend einer Weise Auffällige war einfach nur longlong.

Dass gegenseitiges Verstehen auch mit guten Sprachkenntnissen schwer sein konnte, das erlebte ich immer wieder. Die Niuginis ließen mich dann wissen „Ruth, gutpela tingting, tasol tingting bilong asples bilong yu“, sollte heißen „gut gedacht, aber wie in deiner Heimat gedacht“ – und damit daneben. Für die diplomatischen Niuginis, die wanbel sehr schätzen, war das ungewöhnlich deutlich – und ich war ihnen dankbar dafür und konnte dann auch deutlich sagen, wo mein Verstehen an Grenzen stieß. Wir lernten viel voneinander und es entstanden enge persönliche Beziehungen. So wurde aus den ursprünglich vier Jahren dann mehr als die doppelte Zeit.

Meine Entscheidung zur Rückkehr nach Deutschland ist mir nicht leichtgefallen. Aber ich sah, dass es wohl die letzte Chance wäre, um beruflich hier noch Fuß zu fassen. Auf Dauer waren mir meine Familienmitglieder, vor allem die älter werdenden Eltern, zu weit weg. Dieses Argument akzeptierten die Frauen und die Leitung des Distrikts und stimmten meiner Rückkehr schließlich offiziell zu. Als ich das entsprechende Protokoll der Distrikt- Synode las, war ich gerührt und stolz, und noch einmal amüsiert darüber, wie auch entlehnte technische Begriffe in den Bilderreichtum dieser Sprache passen können. Zu einer Nachfolgerin und deren gewünschter Qualifikation hieß es, sie wollten eine „fotokopi bilong Ruth.“

Bei der Rückkehr nach Deutschland war die Landung nicht weicher als die in PNG. Es irritierte mich anfangs, dass auf einmal alle Deutsch sprachen und trotzdem einander oft so wenig zuhörten. Der erste Teil der Irritation hat sich schnell gelegt, geblieben ist mir ein geschärftes Bewusstsein dafür, wie wenig selbstverständlich es ist, einander zu verstehen – auch wenn wir meinen, die selbe Sprache zu sprechen.

Ruth_Belzner
Ruth Belzner
ist Leiterin
der TS Würzburg und Vorsitzende
der Evangelischen Konferenz
für TelefonSeelsorge und
Offene Tür Deutschland.

 

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