Ausgabe 87 / Dezember 2014

Blickpunkt: Mauern und Grenzen

„Ich habe das Gefühl, sie stehen wieder vor meiner Tür.“

Im SperrgebietOpfer der DDR-Diktatur
gestern und heute

Von Ruth Wunnicke

„Ich kann nicht schlafen. Ich habe das Gefühl, sie stehen wieder vor meiner Tür.“ Mit diesen Worten eröffnet eine Anruferin ein Nachtgespräch. Auf die Nachfrage, wer denn vor ihrer Tür stehe, antwortet sie nicht. Erst über Schlüsselwörter wie „operativer Vorgang“ und „zersetzen“ ist zu erahnen, dass sie sich fünfundzwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer noch immer von der Staatssicherheit der DDR verfolgt fühlt.

Politische Verfolgung in der DDR
Das diktatorische System der DDR hat die ganze Bandbreite repressiver Maßnahmen ausgeschöpft, die Unrechtsstaaten zur Sicherung ihrer Herrschaft anwenden. Mit menschenverachtenden Mitteln sollten politische Gegner und Kritiker der DDR zum Aufgeben gezwungen werden. Die Opfer waren zermürbenden Bespitzelungs- und Zersetzungsmaßnahmen durch die Staatssicherheit ausgesetzt, dem Abhören privater Wohnräume, Hausdurchsuchungen oder Berufsverbot bis hin zur Haft. Politischer Gegner war aus Sicht der SED jeder, der sich aktiv oder passiv der politischen und ideologischen Vereinnahmung widersetzte. Das waren Republikflüchtlinge, vermeintliche Spione, Wehrdienstverweigerer, oppositionelle Gruppen und alle, die eine andere politische Meinung vertraten.

Die staatlichen Organe handelten willkürlich und unberechenbar. Schon das Tragen des Abzeichens „Schwerter zu Pflugscharen“, in den Achtzigern Symbol der Friedensbewegung, konnte stundenlange Verhöre nach sich ziehen. Viele Schülerinnen und Studenten kostete es die Zulassung zum Abitur oder den Studienplatz. Roland Jahn, heute Leiter der Stasiunterlagenbehörde, war 1982 festgenommen worden, weil er die polnische Nationalfahne mit der Aufschrift „Solidarnosc polskim narodem“ (Solidarität mit dem polnischen Volk) an sein Fahrrad geheftet hatte. Zunächst saß er sechs Monate in Untersuchungshaft, später wurde er zu zweiundzwanzig Monaten Haft verurteilt wegen „öffentlicher Herabwürdigung der staatlichen Ordnung“ und „Missachtung staatlicher Symbole“.

Politische Gefangene wurden in der DDR im Justizvollzug inhaftiert und somit Kriminellen gleichgestellt. Viele kamen in Haftarbeitslager oder Strafvollzugskommandos. Tatsächlich wurden politische Häftlinge von Anfang an schlechter gestellt und behandelt als Kriminelle. Vor allem die Untersuchungshaft war für sie schikanös durch Einzelhaft, Verhöre zur Nachtzeit, Schlafentzug, Isolierung sowie das Untersagen jeglichen Kontaktes zur Außenwelt. Rund zweihundert- bis zweihundertfünfzigtausend DDR-Bürger sind aus politischen Gründen inhaftiert gewesen.

Umerziehung von Kindern und Jugendlichen
Auch Kinder und Jugendliche waren Opfer des Systems. Immer wieder stießen sie auf der Suche nach Orientierung und Sinn an die Grenzen, die die Diktatur ihnen setzte. Musik und Literatur wurden zensiert, Bands verboten. Wer etwas anderes wollte, wurde reglementiert, verhaftet und nicht selten in einen der dreißig „Jugendwerkhöfe“ eingewiesen. In diesen Spezialheimen saßen Jugendliche zwischen vierzehn und achtzehn, die im Sinne der DDR-Pädagogik als schwererziehbar galten oder nicht in das Gesellschaftsbild der DDR passten. Aufgabe des Jugendwerkhofes war die Umerziehung zum vollwertigen Mitglied der sozialistischen Gesellschaft. Zu den Methoden der Umerziehung zählten militärischer Drill, ideologische Schulung, Arbeits- und Disziplinerziehung, Belobigung und Bestrafung. Das Strafsystem bestand aus Arrest, Entzug von Nahrung, körperlichen Übergriffen, Strafarbeit bis zur Erschöpfung oder stundenlangem Stillstehen. Allein im Jugendwerkhof Torgau sind mehr als viertausend Jugendliche drangsaliert worden. Viele tausend Kinder wurden in Heimen der DDR Opfer von körperlicher Gewalt und Missbrauch.

Die Situation der Opfer ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall
Spätestens seit dem Film „Das Leben der Anderen“ ist das DDR-System von Bespitzelung und Zersetzung in das Bewusstsein vieler gelangt. Doch das Schicksal der Opfer ist bis heute nur wenigen klar. Viele tragen noch immer an den Folgen der seelischen und körperlichen Gewalt. Die traumatisierenden Erlebnisse haben zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und Panikattacken geführt, oft treten Schlaf- und Konzentrationsstörungen auf. Manche leiden unter Leere, Entfremdungsgefühlen oder einem chronischen Gefühl der Anspannung und ziehen sich sozial zurück. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen von mindestens dreihunderttausend psychischen Opfern durch Repressionen in der DDR aus. Hinzu kommen durch die Traumatisierung der Eltern beeinträchtigte Kinder in der zweiten und dritten Generation, die eine sogenannte sekundäre Traumatisierung erfahren. Die Zahl dieser Personen ist kaum einzuschätzen.

Heute erleben die Opfer neue Schmach, wenn sie etwa ihren ehemaligen Peinigern wiederbegegnen, die vereinzelt in staatlichen Ämtern, Behörden oder Medien arbeiten. Mitunter kämpfen einstige Opfer der DDR-Diktatur bis heute um die Anerkennung ihres Opferstatus, auch deshalb, weil nicht genug Therapeutinnen und Therapeuten auf politische Verfolgung in der DDR spezialisiert sind. Die Nichtanerkennung des Unrechts und peinliche Befragungen können bei den Betroffenen dazu führen, dass sie ihr psychisches Leid erneut erleben und retraumatisiert werden.

Viele Opfer schweigen bis heute über ihre Haft. Sei es, weil sie am Ende ihrer Haftzeit in der DDR versichern mussten, nicht darüber zu sprechen, sei es, weil sie an die Erlebnisse nicht mehr erinnert werden wollen, oder sei es aus Scham, weil sie fürchten, dass andere nicht zwischen politischer und krimineller Haft unterscheiden können. Mitunter wird politisch Verfolgten der DDR die alleinige Schuld an ihrem Schicksal zugeschrieben. Dahinter verbirgt sich der Gedanke, sie hätten sich pflegeleichter und weniger politisch benehmen sollen. Unter ehemaligen DDRBürgerinnen und Bürgern tut sich der Konflikt auf, dass sie zwar in einem Staat gelebt haben, aber an unterschiedlichen Punkten. Die politisch Verfolgten sind bestraft worden, weil sie etwas riskiert haben und weniger angepasst waren.

Beratungsstellen und Therapieangebote für Opfer der DDR-Diktatur
In den ostdeutschen Bundesländern bieten die jeweiligen Landesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit Opfern Beratung und Orientierungshilfe bei der Realisierung rechtlicher Ansprüche, bei Rehabilitierung und bei der Suche nach geeigneten Ansprechpartnern an. Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur hat eine Broschüre „Beratungsangebote für Opfer politischer Verfolgung in der SBZ/DDR“ herausgegeben sowie eine Linkliste aller Verbände, Vereinigungen und Beratungsstellen zusammengestellt.

Beide sind unter www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/opferberatung abrufbar. Ungenügend sind dagegen therapeutische Angebote. Im März 2013 wurde an der Universität Greifswald unter der Leitung des Traumaspezialisten Prof. Harald J. Freyberger die erste Trauma-Ambulanz für Opfer von Gewalttaten eröffnet, die sich schwerpunktmäßig an Opfer der DDR-Diktatur wendet. Die Berliner Beratungsstelle „Gegenwind“ kümmert sich um Bürger und Bürgerinnen, die unter der SED-Diktatur politischer Verfolgung, Inhaftierung und psychischer Zersetzung ausgesetzt waren. „Gegenwind“ versteht sich nicht als Therapiezentrum, sondern als niedrigschwelliges Angebot. Dazu gehört die Arbeit in Selbsthilfegruppen.

Opfer der DDR-Diktatur in der Seelsorge
In der Aufarbeitung der DDRDiktatur stehen Beratungsangebote und Psychotherapie im Vordergrund. Mit ihren Möglichkeiten und Angeboten hebt sich die Seelsorge davon deutlich ab. Der Beauftragte des Rates der EKD für Seelsorge und Beratung von Opfern der SED-Kirchenpolitik, Curt Stauss, weist auf eine Chance der Seelsorge hin: die Versöhnung. Eine Seelsorgerin, ein Seelsorger kann ein Opfer dabei begleiten, sich mit dem Geschehenen und den Brüchen in der Biographie auszusöhnen – ohne Mitwirken der Täterinnen und Täter oder Behörden. Versöhnung bedeutet nicht, die Tat zu entschuldigen, aber sie ermöglicht, auf Rachegedanken zu verzichten und sich dem Leben neu zuzuwenden. Doch wie die Therapie, so ist auch die Versöhnungsarbeit ein langer Prozess. Viele Verfolgte schweigen bis heute über ihr Schicksal. Aus Scham für ihren Gefängnisaufenthalt entwickeln sie ein Schuldgefühl. Hier ist es Aufgabe der Seelsorgerin, des Seelsorgers, die Betroffenen von ihren Schuldgefühlen zu entlasten und ein Selbstvertrauen zu vermitteln, aus dem sie leben können. Für die seelsorgerliche Arbeit am Telefon ist eine langfristig begleitende Versöhnungsarbeit nicht möglich. Ihre Aufgabe ist es, das Bewusstsein für die Problemlagen der Verfolgten der DDR-Diktatur zu schärfen. Dabei gilt es, Schlüsselworte zu kennen, die auf eine Verfolgung hinweisen können. Sie machen möglich, gezielt nachzufragen, tiefliegende Ängste und Probleme zu erkennen und ein wertschätzendes, mitfühlendes Verständnis zu entwickeln. In seelsorgerlichen Aus- und Fortbildungen sollte dieses Thema in Ost- und in Westdeutschland mehr als bisher berücksichtigt werden. Denn mit Mauerfall und DDR-Geschichte müssen wir im ganzen Deutschland umgehen.


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