Ausgabe 85 / April 2014

Blickpunkt: Auszeit

AuszeitBurnout, Auszeit,
Sabbatical –

ein Interview mit Jörg Fengler

Lieber Jörg, die Fachwelt hat dich quasi zum „Papst der Burnout-Prophylaxe“ ernannt. Da habe ich richtig Glück, einen ausgesuchten Experten interviewen zu dürfen! Wann begann deine Auseinandersetzung mit diesem Thema?

Als „Urgestein“ bin ich schon manchmal bezeichnet worden, aber zum „Papst“ hast jetzt du mich gerade „befördert“. Das Thema beschäftigt mich seit 1984. Da stieß ich auf den Burnout-Begriff in der Fachliteratur. Das hat mich sofort bewegt. Einige der beschriebenen Anzeichen für eine Burnout- Gefährdung kannte ich aus meiner Selbst-Beobachtung, andere aus Schilderungen aus Supervisionen. Schon lange davor hatte ich mich mit dem Konzept „Psycho-Hygiene“ beschäftigt, so lautete ein älterer Begriff für seelischen Gesundheitsschutz. In der Folge las ich interessiert, was in der Fachliteratur zum Burnout veröffentlicht wurde. Ich lernte auch zahlreiche Kolleginnen und Kollegen kennen, die zu dem Thema geforscht und gelehrt haben.

Der Begriff Burnout wurde ja auf allen Ebenen zum Mega-Thema …

Die Diskussion hat mich stets gefesselt: Einerseits erlebte der Begriff einen Siegeszug, andererseits gab es auch Zweifel an seiner wissenschaftlichen Seriosität. Auf der einen Seite wurde das Thema zunehmend kommerzialisiert, positiv gesehen nahm die Aufmerksamkeit für Burnout bei denjenigen zu, die sich um die eigene seelische Gesundheit sorgen und auf die seelische Gesundheit anderer Menschen achten wollen. Daher war die Beschäftigung mit dem Thema für mich immer lebendig, wand lungsreich und herausfordernd. Ich habe in der Hinsicht gewiss eine Aufmerksamkeitsfokussierung erlebt. Auch heute geht es mir noch so. Wenn ich einen längeren Zeitungsartikel überfliege, springt mir der Begriff „Burnout“ sofort ins Auge, auch wenn er nur ein einziges Mal auftaucht. Natürlich hoffe ich, dass die Burnout-Forschung etwas Konstruktives zum seelischen Gesundheitsschutz beitragen kann, sowohl gesellschaftlich, als auch im Bewusstsein des Einzelnen und der Institutionen.

Die Bundespsychotherapeutenkammer hat kürzlich die Angaben der großen gesetzlichen Krankenkassen zur Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Erkrankungen und Burnout ausgewertet. Die Anzahl der Krankschreibungen aufgrund eines Burnout sind seit 2004 um 700 Prozent gestiegen, die Anzahl betrieblicher Fehltage sogar um Wegen ihres großen gesellschaftlichen Interesses hat die Burnout-Forschung heute an Fahrt gewonnen. fast 1.400 Prozent. Was denkst du, was hat die Burnout-Forschung angesichts dieser Zahlen bisher zum seelischen Gesundheitsschutz in der Gesellschaft beigetragen?

Die Angaben der Psychotherapeutenkammer stelle ich durchaus infrage. Meines Wissens wurde nach der Frühberentung aufgrund psychischer Erkrankungen gefragt, die zu einer Arbeitsunfähigkeit führten. Dort hatte sich die Zahl der Frühberentungsanträge aufgrund einer psychischen Erkrankung innerhalb weniger Jahre vervielfacht. Dies halte ich für eine realistische Angabe, es gibt aber mindestens drei mögliche Erklärungen dafür:

1. Die Zahl der psychischen Erkrankungen hat sprunghaft zugenommen.
2. Die Zahl der Personen, die über eine psychische Störung zu ihrem Arzt offen sprechen, hat deutlich zugenommen.
3. Die Zahl der Personen, die die psychische Erkrankung als Begründung für die Frühberentung wählen, hat dramatisch zugenommen, unter anderem deshalb, weil diese Begründung als garantiert erfolgreicher Geheimtipp gehandelt wird. Gleichzeitig damit stieg die Zahl der Ärztinnen und Ärzte, die psychische Erkrankungen als Begründung für eine Frühberentung akzeptieren und sowohl in Diagnosen wie in gutachterlichen Stellungnahmen damit argumentieren.

Eine Krankschreibung aufgrund eines Burnout darf eigentlich gar nicht stattfinden, weil das Burnout in der Klassifikation der psychischen Störungen gar nicht auftaucht. Es wird nur als Zusatzdiagnose, also gewissermaßen als „Gesundheitsrisiko“ berücksichtigt. Deswegen ist auch keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung vorgesehen. Falls eine solche dennoch stattfindet, wird sie von den Krankenkassen nicht finanziert oder nur in Verbindung mit einer „Co-Morbidität“ durch eine „echte“ psychische oder körperliche Erkrankung. Dabei ist zu bedenken, dass noch kein gültiges Messinstrument für Burnout existiert, sodass Psychotherapeuten und Ärzte auf Beschreibungen und Selbst-Diagnosen von Patienten angewiesen sind.

Wenn es noch keine objektivierbaren Kriterien gibt, womit beschäftigt sich die Burnout- Forschung? Welche Fragen stehen im Zentrum?

Die Auseinandersetzung beginnt mit der Frage, mit der sich bereits der Buddhismus, die vorchristliche griechische Philosophie und auch das Neue Testament beschäftigt haben: „Was ist eine gesunde Lebensführung?“ Neben manchen Empfehlungen und medizinischen Praktiken, die uns heute kurios anmuten, gab es schon immer Ideen zur Balance zwischen Selbstund Fremdliebe. Sich an einem „Mittleren Weg“ zu orientieren und gemeinschaftsförderliche Gebote einzuhalten, war über alle Zeiten eine Empfehlung zur Lebensführung. In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts war Psychohygiene, also die Lehre vom seelischen Gesundheitsschutz, ein wichtiger Beitrag zu dem Thema.

Wie deutlich wird die Prävention in den Blick genommen?

Alle psychotherapeutischen Schulen haben neben kurativen Ansätzen zur Heilung von Patienten auch präventive Empfehlungen für weitgehend gesunde Personen vorgestellt. Wegen ihres großen gesellschaftlichen Interesses hat die Burnout-Forschung heute an Fahrt gewonnen. Mittlerweile behauptet sie ihren Platz und ihre Verantwortung unter anderem im Kontext eines umfassenden betrieblichen Gesundheitsmanagements. Hier wird die Burnout-Prävention auf den sieben Ebenen Person, Privatleben, Zielgruppenkontakte, Team, Vorgesetzten-Funktion, Institution und Gesellschaft praktiziert. Heute beobachten wir, dass neben zahlreichen Arbeitsplätzen, die immer noch gesundheitsschädlich sind, doch bei einer wachsenden Zahl von Unternehmen die Gesundheit der Mitarbeitenden einen festen Stellenwert auf allen Ebenen der Personalführung genießt. Damit wird Prävention auch zum wichtigen Aspekt in der Selbstdarstellung. Aber es bleibt viel zu tun. Die Burnout-Präventions-Forschung hat noch viele weitere Aufgaben vor sich.

In der TelefonSeelsorge erleben wir hautnah, dass die Zahl der psychischen Erkrankungen zugenommen hat. Du hast das betriebliche Gesundheitsmanagement angeführt. Was ist deiner Meinung nach besser für die eigene Gesundheitsvorsorge: jährlich einige Kurzurlaube, eine dreimonatige Auszeit oder gar das Ansparen von Urlaubstagen für ein Sabbatical?

Eine grundsätzliche Antwort für alle Menschen lässt sich nicht geben. Wie der Rheinländer sagt: „Jeder Jeck ist anders.“ Drei Optionen findet man in der Praxis: „Kurzurlaube“, „Auszeit“ und „Sabbatical“. Viele Kurzurlaube im Jahreslauf kann denjenigen empfohlen werden, die sich schlecht von Woche zu Woche entspannen können und deren Stress immer mehr kumuliert. Dann kann häufiger Ortswechsel und die wiederholte Distanzierung von der Arbeit dabei helfen, den Stresspegel über das Jahr hinweg auf einem relativ gesunden Niveau zu halten.

Bei der dreimonatigen Auszeit geht es um längere, zusammenhängende Distanzierung von der Arbeit. Eine Reise, ein neues Projekt, eine familiäre Angelegenheit in größerem Umfang stehen dabei im Mittelpunkt, weniger die Stressreduktion. Letztere dürfte sich wohl spätestens nach ein bis drei Wochen von selbst einstellen. Im Ergebnis kann die Arbeit danach wieder mit neuem Schwung fortgesetzt werden.

„Sabbatical“ ist an die Sieben-Tage- Woche aus dem Alten Testament angelehnt. Gegenwärtig versteht man darunter eine einmalige oder wiederkehrende lange Auszeit von etwa einem halben oder ganzen Jahr. An der Universität ist das achte Semester das Sabbatical nach sieben Dienstsemestern. Dieses Sabbatical hat die Funktion, Forschungsprojekte und Publikationen abzuschließen und neue zu konzipieren. Es geht meist darum, Vorlesungen zu aktualisieren, sich in ein neues Gebiet gründlich einzuarbeiten, Gastsemester in andern Hochschulen zu verbringen, neue Forschungs- und Behandlungsmethoden zu erproben und vorzustellen. Danach kann man mit erkennbar höherer Kompetenz an den Arbeitsplatz zurückzukehren. In diesem Fall geht es also nicht um eine Distanzierung von der Arbeit, sondern um deren Fortsetzung mit erweiterten Perspektiven.

Die drei Varianten „Kurzurlaube“, „Auszeit“ und „Sabbatical“ nehmen also auf unterschiedliche Bedürfnislagen Rücksicht und können daher differenziell gewählt werden.

Jetzt beantrage ich sofort das achte Semester für ein neues Projekt! Aber im Ernst: Wir leben im Zeitalter der Ich-Geräte – Smartphone, Blackberry, iPhon oder Tablet erzeugen unsere ständige Erreichbarkeit. Noch schnell im Bett die Mails checken, bei jeder Gelegenheit den Facebook-Status updaten und in der Bahn mal eben die neusten Infos twittern … Schädigt die permanente Erreichbarkeit nicht unsere seelische Gesundheit?

Die 24-Stunden-Erreichbarkeit durch Medien hat zwei Seiten: Die attraktive Seite liegt darin, dass wir offenbar bedeutend und attraktiv erscheinen, wenn unser Handy ständig klingelt und fortwährend Mails eingehen. Wir können viele Dinge rasch und unbürokratisch klären, und wir sind im Kontakt mit vielen Menschen. Dies scheint unseren Bedürfnissen in dieser Gesellschaft zu entsprechen. Allerdings gibt es auch Zwänge und Erwartungen, in dieser Unmittelbarkeit auch ständig erreichbar zu sein. Wer nicht mitspielt, muss mit Sanktionen rechnen. Die Kehrseite der Medaille ist, dass wir ständig zwischen verschiedenen Gedanken, Gefühlen, Plänen, Attraktionen hin und her springen. Wir richten uns darauf ein, jederzeit und bei fast jeder Tätigkeit unterbrechbar zu sein. Keine Vorgesetzte und kein Vorgesetzter würde es je dulden, dass jemand während der Sitzung ständig hinaus geht oder von Personen, die den Raum betreten, angesprochen wird. Aber unsere ITGeräte werden geduldet, als sei es geradezu selbstverständlich und ein Recht jedes Einzelnen, dass diese immer auf Empfang geschaltet sind und ständig Antworten liefern.

Ein anderes Beispiel: Kein Mensch lässt seine Haustür immer offen und duldet, dass andere dort pausenlos aus- und eingehen. Aber für IT-Botschaften ist die Tür jederzeit offen! Dies mag für einen Teil der Bevölkerung tolerabel oder vielleicht ganz angenehm sein. Aber zu allen Zeiten und für alle Varianten von Übertreibung? Das genießt sicher nicht jeder! Der Laptop im Bett ist etwas anderes als ein Buch im Bett. Das Buch kann man beiseitelegen oder sich mit zärtlichem Gestus aus der Hand nehmen lassen. Den Laptop muss man erst herunterfahren. Vielleicht unterliegt man dann doch der Verlockung, während der Nacht online zu bleiben. Es könnte ja doch noch eine wichtige Mail kommen, und wenn man kurz wach wird, schaut man mal eben schnell in die Mails, um immer über alles informiert zu sein. Wie könnte man Schlaflosigkeit sonst „sinnvoll“ nutzen? Insofern halte ich die Risiken der Rundumerreichbarkeit für größer als die Vorteile. Die Zentrierung und die Achtsamkeit, die wir als Ausgleich für die multiple Beanspruchung als Burnout-Prophylaxe empfehlen, sind durch die Medien zumindest partiell bedroht. Fachliche, persönliche und intime Begegnungen werden immer wieder unterbrochen. Nicht jedem Menschen gelingt es nach einer solchen Unterbrechung, wieder rasch zur Zentrierung und Begegnung zurückzukehren. Es ist gewissermaßen ständig eine dritte Person im Raum.

Ist die Einschätzung nicht zu kulturpessimistisch? Denken die Jungen auch so?

Vielleicht findet die Generation, die mit diesen Medien aufgewachsen ist, die dargestellte Form der Kommunikation normal und wird daran nichts Negatives erkennen können. Es geht also nicht darum, die neuen Medien kulturkritisch zu verurteilen oder das Ende der Kommunikation zu befürchten. Aber vielleicht hilft es auch der jüngeren Generation, sich mit den Bedenken gegen diese Kommunikationspraxis kritisch auseinander zu setzen.

Lieber Jörg, ich danke dir für das Interview.

Das Interview führte Birgit Knatz, Leiterin der TelefonseelSorge Hagen-Mark und Verantwortliche Redakteurin von AUF DRAHT


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