Ausgabe 2 / August 2017

Blickpunkt

MUSS SEX SEIN, UND
WENN JA, WIE?

Ausgabe 2 August | September | Oktober | November
TRIEB ODER NICHT TRIEB.
DAS IST HIER DIE FRAGE
Von Dr. Friedrich Dechant

In der Eheberatung sagen Männer oft über einen „Seitensprung”, es hätte sich halt so ergeben, es sei einfach passiert. Was so klingt, als sei der Geist willig, das Fleisch aber schwach gewesen, wird dann absurd, wenn die Außenbeziehung über Monate fortgesetzt wird.

Am Telefon erzählen Anrufer, deren Anliegen oft in sexueller Stimulation besteht, sie wären so unter sexuellem Druck, dass sie nicht anders könnten, als dieses oder jenes zu tun. Männern wird ja nachgesagt, sie würden oft mit einem anderen Körperteil als ihrem Hirn denken, hier aber scheint das Denken ausgeschlossen zu sein angesichts der Übermächtigkeit eines vermeintlichen Triebs oder Körperteils.

Für Sigmund Freud war klar, die Libido bestimmt entscheidend das Leben des Menschen. Er stellte sich den Sexualtrieb wie eine Quelle im Organismus vor, die gleichmäßig ein Reservoir mit Triebenergie füllt, das dann, um ein Überlaufen zu verhindern, schlagartig über einen Regelmechanismus entleert wird. Der Mensch, der Mann insbesondere, sei von seinen Trieben gelenkt und geleitet, ihnen in gewissen Maße unterworfen. Im Wort vom „Triebtäter” findet sich diese Vorstellung wieder. In den Köpfen konnte die Triebtheorie lange überleben; das hat auch mit dem eigenen Erleben zu tun, das sie auf den ersten Blick umfassend erklärt. Sexuelles Begehren hat jene drangvollen Aspekte und Momente subjektiver Überwältigung, auch des eigenen Willens, die die Trieblehre aufgreift. Freilich dachte Freud selbst – wenn man seine Neurosenlehre außer Betracht lässt – nicht, der Mensch sei seinen Trieben hoffnungs- und willenlos ausgeliefert. Für ihn ließ sich die libidinöse/sexuelle Energie für andere Aufgaben nutzen. Beispielhaft: Man kann die Energie eines Bündels Holz nutzen, um sich ihrer im Garten beim Abbrennen eines Freudenfeuers zu ergötzen oder um auf dem Herd einige leckere Mahlzeiten zuzubereiten. Die „Sublimation” sexueller Energie zeigte sich für Freud in den Kulturleistungen der zölibatären mittelalterlichen Mönche, die Wälder rodeten, Land urbar machten, Klöster errichteten.

Eine Grundannahme christlicher Moral geht in die gleiche Denkrichtung: Der Mensch sei nicht einfach seinen Trieben ausgeliefert. Er habe Freiheit, Vernunft und Willen; er könne und müsse sein Leben, auch sein „Triebleben” gestalten. Dazu bedürfe es innerer und äußerer Disziplin und Werthaltungen. Es brauche eine kulturelle Überformung des Triebes. Schaut man in Wikipedia unter „veralteten Theorien” nach, kann man auch Freuds Trieblehre finden.
Wenn aber Sexualität kein Trieb ist und der Wikipedia-Eintrag stimmen sollte, wie kann man sich dann sexuelles Begehren und das Streben nach Lust in der Spannung zwischen dem erlebten Drang und der Möglichkeit der Entscheidung für ein bestimmtes Verhalten erklären? Es kann sich dann ja niemand mehr schlicht auf seinen Trieb berufen, um sein Verhalten zu erklären. Mit dem Aufgeben des Triebmodells bietet die moderne Psychologie ein differenziertes Erklärungsmodell der dualen Kontrolle der Sexualität an, aus dem sich auch für die Seelsorge am Telefon hilfreiche Interventionsmuster entwickeln lassen: Sexuelles Begehren wird in die Erklärungsmodelle der Wahrnehmungs- und Motivationspsychologie eingebettet. Vereinfacht geht man von zwei Pfaden aus, die eine subjektive sexuelle Erregung beeinflussen: einem automatischen und einem kontrollierten. Sexuell bedeutsame Kennzeichen eines Reizes ziehen automatisch die Aufmerksamkeit auf sich. In unserem Gedächtnis werden sie unbewusst mit gespeicherten sexuellen Inhalten (Schemata) verglichen. Kommt es zu einer Übereinstimmung, wird automatisch eine Erregung ausgelöst, die dann wahrgenommen und zur sexuellen Erfahrung wird. Der kontrollierte Pfad, der neben dem automatischen besteht, führt dann zu sexueller Erregung, wenn Aufmerksamkeit bewusst auf sexuell bedeutsame Reizmerkmale gelenkt wird. Diese werden dann bewertet und führen bei einer positiven Übereinstimmung mit relevanten bewussten Gedächtnisinhalten zu bewusster sexueller Erfahrung. Der kontrollierte Pfad ist bestimmt von Aufmerksamkeit (Wahrnehmen eines visuellen Reizes), Bewertung (Übereinstimmung mit sexuellen Präferenzen) und (motorischem) Vorstellen. Die Bewertung hat eine motivationale Komponente: das Verhalten wird auf sexuelle Ziele ausgerichtet (oder nicht), es gibt einen Drang nach sexuellem Verhalten (oder nicht). Dabei gibt es fördernde und hemmende Effekte, die beispielsweise von der Situation oder der Umgebung abhängen. Sexuelles Verhalten wird somit mehrdimensional erklärt und es wird mehrdimensional gestaltbar.

Die klassische Sexualmoral hat das in den Begriff der Keuschheit gegossen. Gemeint hat sie damit, dass der Mensch sein Streben und Verhalten generell und prinzipiell an Werten und Normen ausrichtet, seine motivationalen Lagen kontrolliert und reguliert und über Übung lernt, verantwortungsvoll mit Sexualität umzugehen. Nun ist das, was als „verantwortungsvoll” erlebt und normiert wird, im Lauf gesellschaftlicher Entwicklungen Veränderungsprozessen unterworfen, die nicht immer dem Gelingen menschlichen Lebens dienen oder gedient haben. Aus den skizzierten psychologischen und seelsorgerischen Überlegungen ergibt sich für mich der Ansatz für das Gespräch am Telefon: Jeder Mensch hat Sexualität, auch wenn er sich asexuell definiert. Wie er seine Sexualität lebt, liegt in seiner Verantwortung.

Es gibt kein Recht auf Partnerschaft und es ist möglich, ohne Partnerin oder ohne Partner zu leben. Das ist nicht leicht, aber viele Menschen tun dies, und das umfasst viel mehr als den Verzicht auf partnerschaftlich gelebte Sexualität. Sexualität meint mehr als Genitalität. Der Mensch kann auch „glücken”, wenn ihm durch die Lebensumstände sexuelle Erfüllung versagt ist. Das dranghafte Erleben von Sexualität ist zu würdigen; man kann Anrufende darüber hinaus fragen, wie sie generell mit Wünschen und Sehnsüchten umgehen: ob sie (unmittelbare) Erfüllung ihrer Bedürfnisse erwarten oder gelernt haben, zu warten und ggf. zu verzichten, ob sie sich vorstellen können, diese Strategien auf das sexuelle Verlangen zu übertragen, ob und wie sie ihre Aufmerksamkeit und ihre Gedanken zielgerichtet auf sexuelle Inhalte richten oder nicht, usw.

Mit Anrufenden darüber ins Gespräch zu kommen, wenn das denn ihr Anliegen ist, ermöglicht Dimensionen, die die Triebvorstellung schwerlich erreichen kann. Mit Anrufenden wird im Rahmen einer normalen Gesprächsführung über ihre Ressourcen zur Bearbeitung von Problemen und über ihre Kompetenz und Verantwortung für ihr Handeln gesprochen. Gleichzeitig wird eine solche Gesprächsführung helfen, verdeckte Motivationen von Anrufenden zu erkennen: für obszöne Anrufer sind solche Gespräche nicht interessant, weil sie nicht ihrer Motivation entsprechen.

Literatur zu den neuen Modellen
K. Jordan, P. Fromberger, J. Müller: Neurobiologie der Sexualität und sexueller Störungen, in: P. Briken, M. Berner: Praxisbuch sexuelle Störungen, Stuttgart / New York 2013, 43-53
 

Dr. Friedrich Dechant
Leiter der TelefonSeelsorge Nordoberpfalz
und Redaktionsmitglied

 

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